Arbeitsmarkt

Amazon – gefeiert wie der Messias des Arbeitsmarktes

Derzeit entsteht im Industriepark Aurea in Oelde an der A2 ein Riesengebäude, in dem Amazon ab Mitte 2019 einen neuen Standort eröffnen wird.

Die Funktionsträger im Kreis Warendorf sind ob dieser Tatsache voller Euphorie und in ihren Lobeshymnen kaum zu bremsen. So rechnet der Landrat Dr. Olaf Gericke damit, dass etwa 200 Langzeitarbeitslose dort in den Arbeitsmarkt integriert werden können (Die Glocke v. 06.10.18). Auch der Leiter des Jobcenters Dr. Ansgar Seidel spricht von einer Chance, dort viele Langzeitarbeitslose in sozialversicherungspflichtige Jobs vermitteln zu können. Insgesamt, so die Mutmaßungen, sollen es wohl 1.200 bis 1.800 Jobs werden, die der Internetgigant dort anbieten will. Eine Mitarbeiterin des Jobcenters werde künftig 18 Stunden ihrer wöchentlichen Arbeitszeit damit verbringen, Menschen zu Jobs bei dem neuen Arbeitgeber zu verhelfen (WN v. 30.11.18).

Damit ist doch alles bestens und wieder sind viele Probleme vom Tisch. Schön, wenn es so wäre. Doch leider kommen die Langzeitarbeitslosen hier vom Regen in die Traufe.

Über die Arbeitsbedingungen bei dem hochgelobten Unternehmen wird viel gesprochen und geschrieben. Wenn selbst anerkannte seriöse Quellen (z. B. Die Zeit, Der Stern und Ver.di) von gravierenden unhaltbaren Zuständen berichten, wird etwas dran sein. Im Einzelnen möchte ich mich hier dazu nicht einlassen, aber mit der Bezahlung steht es auch nicht zum Besten. Das muss selbst Seidel einräumen. Die Vergütung liege zwar über dem gesetzlichen Mindestlohn, reiche aber kaum zum Leben. Damit sind wir schon bei einem Kernproblem. Auf jeden Fall ist nach meinem Verständnis ein wichtiges Ziel verfehlt.

In meinem Buch können Sie lesen:

„Die Kernaufgabe der Gesellschaftspolitik und gleichzeitig eine spannende Herausforderung ist es, diese Menschen [die Langzeitarbeitslosen; Anm. d. Verfassers] in sinnfüllende und angemessen bezahlte Arbeit zu bringen. Arbeit als ein wichtiger Lebensinhalt ist der Schlüssel zur Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung.“ (S. 71)

Eine Sinnfüllung kann ich nicht darin erkennen, wenn ich tagaus tagein stupide Arbeit ohne jeden Raum zur Selbstgestaltung, bei streng reglementierten Vorgaben und ständig drohenden Disziplinierungen über mich ergehen lassen muss. Da werden Persönlichkeiten über kurz oder lang gebrochen. Sie sind zwar nicht mehr arbeitslos, erhalten aber keine angemessene Bezahlung und stehen daher in der Regel weiter beim Staat als „Aufstocker“ auf der Matte und belasten uns Steuerzahler. Etwa 10% des Bundeshaushalts werden zur „Glättung“ der Unzulänglichkeiten des Arbeitsmarktes verbraucht.

Schuld ist allein der Verbraucher, der gedankenlos dort bestellt, wo es am billigsten und bequemsten ist, ohne die Wertschöpfungskette bis zum Ende zu denken. Als Folge sind als nächstes die Paketboten dran, die für wenig Geld schuften müssen und einem ständigen Zeitdruck ausgesetzt sind.

In meinem Buch habe ich dazu geschrieben:

„Es kann doch wohl nicht sein, dass Jobs aus Steuermitteln (und damit von uns allen) finanziert werden und wir damit die Unternehmen subventionieren... Ganze Geschäftsmodelle ausschließlich auf Praktiken des Lohn- und Sozialdumpings aufzubauen ist äußerst (und das ist noch eine milde Beurteilung) bedenklich. Die Unternehmen, die solchen Geschäftspraktiken durch die Beauftragung dieser Firmen Vorschub leisten, verhalten sich nicht vorbildlich. Und was die Logistikbranche angeht: Da kann ich von dieser Stelle aus nur an die Fans von Amazon, Zalando & Co. appellieren, an die unmöglichen Arbeitsbedingungen der zahlreichen Paketzusteller zu denken, wenn sie auf der gemütlichen Wohnzimmercouch ihre Online-Bestellungen tätigen. Da war doch was mit „Geiz-ist-Geil“. Vielleicht besinnt sich dann der ein oder andere, sich mal wieder im örtlichen Einzelhandel umzusehen. Davon profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern auch die dort beschäftigten Arbeitnehmer.“ (S. 45)

In diesem Gebäude werden die Hoffnungen vieler Menschen auf ein erfülltes Arbeitsleben jäh sterben und sie jeglicher Illusionen beraubt.

Starker Handel => Starke Stadt/Gemeinde

Dabei wäre es für uns alle besser, mal ein bisschen nachzudenken.

Die im östlichen Münsterland beheimatete Tageszeitung „Die Glocke“ hat in diesem Zusammenhang eine vorbildliche Aktion ins Leben gerufen.

Näheres dazu finden Sie unter: https://www.starker-handel-starke-stadt.de/

Das ist gut für
  • für die Wirtschaft
  • für die Arbeitnehmer
  • für ein lebendiges und lebenswertes persönliches Umfeld
  • für die Zufriedenheit und das Wohl der Menschen
  • für uns als Gesellschaft

Prekäre Arbeitsplätze – bequemer Verbraucher – keine Entlastung für Sozialkassen – ein Multi, der wenig Steuern zahlt:

Ich habe so meine Zweifel, ob man auf diese Gemengelage wirklich stolz sein kann.

Das Geschwür der Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit breitet sich immer weiter aus. So wurden laut Handelsverband HDE im Jahr 2017 im deutschen Online-Handel insgesamt Waren im Wert von 49 Mrd. Euro umgesetzt, allein 46 Prozent durch den besagten Riesen Amazon. Der dadurch glaubt, sich immer mehr herausnehmen zu können. Nicht nur gegen die schwächsten, die eigenen Mitarbeiter sondern auch im Ausnutzen der Marktmacht, so dass sich das Kartellamt gar zu einem Missbrauchsverfahren veranlasst sieht.

Aber das ist dem gleichgültigen Verbraucher egal! Hauptsache: wenig bezahlen und sich nicht bewegen!

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